01.05.2013

Wie duftet das Wort







im Traum         das Wahrwerden meiner Träume


Heike Gericke






Mich
ausfädeln bei dir. Aber
der Faden wird länger und länger








nachtschatten über meine schuhe legt sich mondlicht



wie duftet das wort     -    wasser







im Netz der Mythen
──das Nachleuchten eines Beginns







Kopfschmerzen
am Rande die Kollision
von Galaxien



Am Ende des Tags
die Spur von fünfzigtausend
toten Hautzellen







Elementarteilchen
zwischen uns
Turbulenzen







Big Bang — die Berufung eines Wasserstoffatoms







Frühlingssonne
atme die Farben ein
unsichtbare Blume






SelbstVerSuch





ich träumte
ich träume nicht
Vollmondnacht



Morgen danach die Unschärfe der Quanten






unter meiner Haut
Säure ergießt sich
in den Fluss der Worte



sublime Botschaft
ihre Hand in seiner
wie sie kälter wird





01.04.2013

Kreuzweg der Sinne


 


mir flattern die worte
keines
setzt sich auf einen zweig

 

ein graupelschauer
rieselt über mein gesicht ...
in vielen stimmen








Galeriewälder    Licht schöpfen am Rand der Zeit








Fieber ...
durch meine Träume trottet ein trauriger Hund


Gerda Förster






Schmetterlingseffekt
wie unbegrenzt das Wesen
meiner Verwirrung



nachttief der Kreuzweg der Sinne



01.03.2013

Duft-Verbindungen







Pflaumenmond ... der Geruch des Gewesenen









Lichtblaue Ferne …
Ein Gongschlag dehnt die Zeit









Walwanderung    die dunklen Filamente des Raums









Zwiegespräch –
die dunklen Kontinente in uns



Gerda Förster






Ein Versuch zum deutschsprachigen Gendai-Haiku

von Dietmar Tauchner

Gendai – das in Japan das moderne Haiku des 20. Jahrhunderts und damit der Nach-Shiki-Ära bezeichnet, beginnend mit Hegikotô Kawahigashi und Seisenui Ogiwara – ist ein soziohistorischer und kulturspezifischer Begriff und damit nur bedingt auf das deutschsprachige Haiku übertragbar.

Gendai könnte aber auch weiter gefasst und als Wechsel zu einem neuen Haiku-Paradigma hin verstanden werden. Bashô beispielsweise könnte insofern als Gendai-Haijin angesehen werden, als er neue Themen in die Haikai-Literatur brachte und neue Assoziationen. Vor Bashô hatte es niemand gewagt, einen Frosch in die Haikai-Literatur aufzunehmen. Und plötzlich sprang dieser in den uralten Weiher, frisch und lebendig. Vielleicht ließe sich Gendai als Synonym dafür verstehen: Neues und Anderes zu versuchen!

Was zu Bashôs Zeiten der Frosch war, mag in der Haiku-Dichtung des 21. Jahrhunderts im deutschprachigen Raum der Bezug zu den Themen der Wissenschaft sein, zu der Welt der Psyche und des Traums, der Fantasie, des Denkens und der interliterarischen Alliteration.

Das Haiku benötigt ganz allgemein betrachtet immer Kürze, Prägnanz (Shibumi), eine Neuigkeit oder einen neuen Blickwinkel (Atarashimi), etwas Geheimnisvolles, Überraschendes (Yûgen) und eine Nebeneinanderstellung (Kire) von mindestens zwei Begriffen oder Ebenen. (Mehr dazu in: Steg zu den Sternen, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2012, beziehungsweise „Die Ästhetik des Haiku“.)

Ein nicht zu vernachlässigendes Element des Modernen erscheint der Umgang mit Nebeneinanderstellungen zu sein. Nebeneinanderstellungen müssen zueinander in Verbindung stehen, um wirksam sein zu können. In der klassischen Haiku-Dichtung spielten Wort- und Inhaltsverbindungen eine große Rolle. Wort-Verbindungen bringen Begriffe der klassischen Haikai-Dichtung miteinander in Verbindung, Begriffe, die zu etablierten Assoziationen geworden sind. Beispielsweise auf regionale und temporäre Verhältnisse umgelegt: Maiabend und Kuckuck.

Inhalt-Verbindungen beruhen auf das Verhältnis von Ursache und Wirkung, auf narrative Bewegungen, szenische Ausdehnung oder alles, was inhaltlich logisch miteinander verbunden ist, wie Bahnhof und die Folgen davon, am Bahnhof zu sein.

Bashô und seine Shômon-Schule betonten und bevorzugten jedoch eine neue Art der Assoziation, nämlich die Duft-Verbindung.

The Master (Bâsho) said: The hokku has changed repeatedly since the distant past, but there have been only three changes in the nature of the haikai link. In the distant past, poets valued word links. In the more recent past, poets have stressed content links. Today it is best to link by [...] scent links.

(zitiert nach Haruo Shirane Traces of Dreams, Seite 85)

Die Duft-Verbindung, die sich als eine Art atmosphärische Assoziation umschreiben ließe, verknüpft Objekte, Bilder, Prozesse und Ebenen miteinander, die nicht nur wörtlich und inhaltlich miteinander verbunden sind, sondern durch paradoxe (überraschende), lebendige und geheimnisvolle Beziehunsverhältnisse. Nein, die Blume muss nicht mehr nur mit ihrem Duft, ihrer Farbe oder einer Biene assoziert werden (Wort- und Inhaltsverbindungen), sondern kann mit anderen Sujet in Beziehung stehen, die der moderne Haijin wahrnimmt und in seinem Haiku festhält. Vielleicht gibt es ein Verhältnis zwischen Blume und einem Objekt, das auf den ersten Blick damit nichts zu tun hat? Vielleicht hat die Blume etwas mit der Handtasche der Ehefrau zu tun? Oder gar etwas mit einem Schwarzen Loch? Die bekannten Bezüge dehnen sich aus. Die Verbundenheit allen Seins, die in der buddhistischen Kosmologie als Axiom gilt, erlauben neue Assoziationen.

Gendai das Synonym für die Wahrnehmung und Integration des Neuen und einer neu assoziierten Wirklichkeit: Die Beziehung zwischen dem Offenkundigen und dem kaum Wahrgenommen ist im modernen Haiku viel enger geworden. Atome und Galaxien sind nicht nur Vorstellung und Abstraktion, sondern werden durch moderne Techniken sukzessive konkreter wirklicher, weil wirksam. Wirklich ist, was wirkt, laut Thomas Mann.

Das Abstrakte, das sich dereinst aus vielen konkreten Eindrücken formte, wird wieder sinnlich und zu einem synästhetischen Sinn, einer interaktiven und integrativen Ästhetik. 

Die Wirkungen der zeitgenössischen Technik und Wissenschaft werden stärker und verändern somit unsere Wirklichkeit beziehungsweise die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Wie unsere Erfahrungen unser Denken beeinflussen, so beeinflusst unser Denken auch unsere Erfahrungen und damit unsere Wahrnehmung.

Das moderne Haiku muss sich nicht von den alten Sujets verabschieden, wohl aber genauer hinsehen, um nicht repetativ in der Belanglosigkeit zu versinken. Das moderne Haiku des 21. Jahrhunderts sucht und findet neue Verbindungen, sucht und findet uralte Beziehungen in einem neue Licht.

Das Haiku ist ein Beziehungsgedicht, das über die gekonnt eingesetzte Nebeneinanderstellung neue Assoziationen freisetzt.

Das moderne Haiku ist ein Raumschiff, das neue Beziehungen zwischen Elementen, Ebenen und Ereignissen ergründet. In den unendlichen Weiten des Alls, den virtuellen des Mikrokosmos, den existentiellen der Psyche und der Sozialkonstellationen und immer wieder in der Natur selbst.

Vielleicht ist es an der Zeit, unsere frischgeborenen Frösche in den uralten Weiher des Haikai springen zu lassen ...




In Kürze oder Ferne

Eine Entgegnung von Ralf Bröker

Fünf Jahrhunderte Haiku-Tradition hat Japan. Wie viele Jahre haben wir im Westen? Haben wir überhaupt schon eine Tradition? Sind wir nicht immer noch mehrheitlich Imitierende? Imitieren wir jetzt sogar dieses japanisch begründete Anders-Sein, weil es uns nicht elitär genug ist, auf westliche Weise anders zu sein? Auf www.haiku.de heißt es dazu sehr bedenkenswert von Rudi Pfaller: Lasst doch einfach die Autoren frei! Und wenn ihr sie frei lasst, braucht man euren Blog nicht mehr.

Vielleicht hast du, lieber Dietmar, mit deinem kleinen Gendai-Manifest für den Westen gezeigt, dass wir es doch öfter mal wagen sollten, eigene Haiku-Gefühle zu haben. Gedanken machen wir uns ja alle genug. Und natürlich lächle ich nicht wenig, wenn auch ich deinen Steg zu den Sternen nachgehe und von Naturwissenschaften ausgelöstes Staunen in ungewohnte Beziehungen setze.

An anderen Tagen aber sehe ich nicht nur Haiku-Raumschiffe durch das Weltenall gleiten, sondern auch Philosophen wandeln und Spielfilme flimmern, Rockstars touren und Wanderarbeiter streiten. Selbst dem gequirlten Mist der Zombie-, Football-, Berliner-Zeitung- und Weiß-der-Geier-was-noch-alles-Haiku könnte in Kürze oder Ferne etwas Erstaunliches entwachsen.

Ich muss nur immer wieder neugierig und hoffnungsvoll hinschauen. Wie ein Kind eben ...

01.02.2013

Leerräume im Tuschestrich




fei bai das Fremde in der Biegung des Lichts


Helga Stania



fei bai (fliegendes Weiß): Technik der chinesischen Tuschemalerei.
Der Pinsel wird so geführt, dass Leerräume im Tuschestrich entstehen.



Helgas Texte sind aus meiner Sicht gute Beispiele dafür, was gendai wohl ausmacht, nämlich die starke Betonung des scent links, wie es bei Bashô heißt; also die Betonung von sehr intuitiven, nicht augenfälligen Verbindungen. "fei bai" ist ein Volltreffer. dt

Ich höre ein Fallbeil. Etwas Kriegerisches. Das ungeliebte -ung gerät zum schneidenden Geräusch, das sich auflöst in derzeit intensiv beleuchteten Physik-Bezügen. Was für ein Mut, ganz auf Neugier und die Kraft des Hörens zu setzen. rb







Ausklang -
die Erde dreht mich
in die Nacht




Friedrich Winzer







Blaulicht -
die Leere des Himmels




Gerda Förster







Zeit des Neumonds.
Mit den Händen höre ich
wie Steine singen.



Unter den Sternen
dem Stoff der Welt entwachsen
müdes, müdes Kind.




Beate Conrad, USA/Germany



"Unter den Sternen" scheint zu Anfang märchenhaft, wirkt in der Mitte wie ein Kommentar und macht dann im Kleinen einen ganzen Kosmos auf. Wer da noch Silben zählt ... rb



01.01.2013

Das Haiku-Universum

Eine Rezension von Dietmar Tauchner


(Erstveröffentlichung in SOMMERGRAS, Nr. 89)


„The Haiku Universe for the 21st Century, Japanese/English – Japanese Haiku 2008“ von der Gendai Haiku Kyokai, 2008


Das Haiku ist ein Literaturgenre, das auf eine lange Tradition zurückblickt. Ein Universum voller Sterne, die immer noch leuchten, obwohl sie längst erloschen sind. Man denkt an Bashô, Buson oder Issa, wie diese Fixsterne heißen.

Manche Lichter erst kürzlich erloschener Sterne oder noch aktiv brennender sind noch nicht im deutschsprachigen Milchstraßensystem angelangt. Die Rede ist von den Lichtern des modernen japanischen Haiku, Gendai-Haiku genannt.

Mit dem Reformator des Haikai, Masaoka Shiki (1867-1902), beginnt das moderne Haiku mehr oder weniger auf den Plan zu treten. Shikis Erben sind schon weniger bekannt, und der Bekanntheitsgrad ihrer Nachfolger verringert sich zusehends. Die Gründe dafür sind bestimmt darin zu suchen, dass es erstens lange Zeit wenige Übersetzungen aus dem Japanischen ins Deutsche gab und immer noch gibt, und zweitens auch in dem Umstand, dass das Haiku im deutschsprachigen Raum einem nostalgischen Reflex zum Opfer fiel, nämlich das Haiku als naturalistisches Gedicht mit kleinen romantischen Referenzen zu betrachten.

(Literatur, die aber nicht radikal im Jetzt verwurzelt ist, kann niemals in die Zukunft gelangen. Die Frage danach, welche deutschsprachigen Haiku-Dichter in 100 Jahren noch gelesen werden, will ich nicht einmal rhetorisch stellen, weil diese Frage zu sehr von abenteuerlichen Spekulationen und Phantasmagorien verzerrt würde. Vielleicht mag der eine oder andere dennoch darüber nachdenken ...)

Aber eigentlich ist das Thema dieses Textes keine Polemik über das deutschsprachige Haiku, sondern eine Rezension mit kurzer, sehr kurzer Einführung in das japanische Gegenwarts-Haiku.

2008 veröffentlichte die Gendai Haiku Kyokai (Zeitgenössische Haiku-Vereinigung) den Band: "The Haiku Universe for the 21st Century, Japanese/English – Japanese Haiku 2008". In diesem 216 Seiten starken Band befindet sich neben einem Vorwort von Uda Kiyoko  und Tôta Kaneko und einem Nachwort von Akira Matsuzawa  auch ein sehr anschaulicher Abriss der Geschichte des japanischen Gegenwarts-Haiku von Toshio Kimura, auf den ich im Folgenden eingehen möchte, um danach eine Auswahl der darin enthaltenen Haiku vorzustellen.

Ziel wird es sein, einige der wichtigsten Vertreter des Gendai-Haiku und die Strömungen, die sie begründet oder beeinflusst haben, aufzuzeigen. In "20th-Century Japanese Haiku – A Brief History of Modern Haiku" schreibt Toshi Kimura: "About 200 years had passed since the days of Bashô, the great haikai poet of the Edo period, and haikai had become unexciting literature, full of trite expressions and with little artistic flavor. Seeing that haikai was in stagnant condition as a literary art, Shiki Masaoka insisted that haikai must be modernized [...] he  rejected the old style haikai, calling tsukinami (commonplace)."

Shiki ging es darum, das Haikai als kreative und eigenständige literarische Form zu etablieren, weshalb er das Haikai zum Haiku werden ließ. Shiki gründete 1897 das folgenreiche Haiku-Magazin „Hototogisu“, dem zwei Hauptströme, getragen von zwei der erfolgreichsten Schüler der Nippon-ha (Japanische Schule) Shikis, entsprangen: das Shin-keikô Haiku (neuer Trend) von Hegikotô Kawahigashi und das Kyakkan Shasei Haiku (objektive Skizze), woraus das spätere "kachô fûei"-Prinzip (Schönheit der Natur) resultierte, von Kyoshi Takahama.

Hegikotô Kawahigashi gründete mit Seisenui Ogiwara das Haiku-Magazin "Sôun" und den darin forcierten Jiyûritsu Haiku-Stil, der sich dadurch kennzeichnen lässt, dass er das Haiku von traditionellen Themen und Formen loslösen und weiter entwickeln sollte. Taneda Sântoka war einer der wichtigsten Vertreter. Kyoshi Takahama hingegen versuchte in seinen Versen, die traditionellen Werte des Haikai, allen voran das Kigo und den damit assoziierten Naturbezug, zu konservieren.

Mitte der 1920er Jahre entwuchsen dieser Strömung die "4 großen S" des japanischen Gendai Haiku: Shûôshi Mizuhara, Suju Takano, Seiho Awano und Seishi Yamaguchi.

In den 1930er Jahren entwickelte sich das sogenannte Shinkô Haiku (neuer Stil), das dem Bedürfnis von Shûôshi Mizuhara nach einer stärkeren subjektiven Note entsprang. Der europäische Individualismus und der Surrealismus nahmen Einfluss auf die Ästhetik des Shinkô Haiku. Das Kigo-Haiku wurde durch das Muki-Haiku (jahreszeitenunabhängiges Haiku) ersetzt.

Das Shinkô Haiku verzweigte sich in weitere Stile, wie zum Beispiel das proletarische Haiku, die das Thema der Arbeiter und der Arbeit reflektierten, oder das Senka-sôbô Haiku (imaginäres Schlachtfeld-Haiku), das während des Chinesisch-Japanischen Krieges aufflammte.

Die Zeit des Zweiten Weltkriegs gehört auch im Gendai-Haiku zu einer der düstersten Perioden, zumal traditionalistisch orientierte Haijin erfolgreich dafür sorgten, dass innovativ orientierte Haijin als antijapanisch und damit als Staatsfeinde inhaftiert werden konnten (Haiku Jiken).

Nach dem Weltkrieg etablierte Yamaguchi das sogenannte Kongen Haiku (essenzielles Haiku), bevor die Jahre 1950 - 1970 die Avantgarde einläuteten. Soziale Themen und Einstellungen gewannen an Bedeutung. Tôhta Kaneko vertrat die Position des Zôkei-ron, die Haltung, dass das Haiku im Individuum entstehen und dann als sozialer Impuls weiter wirken solle. Das Avantgarde-Haiku wurde zumeist in klassische Formen gebracht, griff auch wieder auf das Kigo zurück, sah all das aber nicht als verbindlich an. Man hatte sich anscheinend mit der Tradition ausgesöhnt, weil das Neue nun schon ausreichend etabliert schien.

1947 wurde die Gendai Haiku Kyôkai gegründet, die fortan traditionelle Haiku genauso akzeptierte wie jahreszeitenungebundene und solche der völlig freien Form.

Nach 1970 geriet das Gendai-Haiku in eine Art Sinnkrise; der große ökonomische Aufschwung ließ dem Suchen neuer Themen kaum Raum, so rotierte das Haiku um sich selbst. Vielleicht aber aufgrund der erreichten Selbstverständlichkeit wurde das Haiku zusehends populärer. Nicht nur in Japan, sondern auch außerhalb, sodass 1989 die Kokusai Haiku Kyôrû, die Haiku International Association und später, im Jahr 2000, die Sekai Haiku Kyôkai, die World Haiku Association gegründet wurden. Verbände, die die Entwicklung und Verbreitung des sogenannten Welt-Haiku zum Ziel hatten und haben.

Im letzten Absatz des historischen Abrisses "From the 20th Century to the Future – Conclusion" fasst Toshio Kimura die gegenwärtige Situation des Gendai Haiku folgendermaßen zusammen:

"The twentieth century was a time to search for an answer to the question of how haiku, the resurrected traditional poetry, could find its reason for existing as a modern literate form. [...] In such a tense atmosphere of rivalry between reformists and conservatives, haiku has continued to grow as a style of modern short poetry with a set form. [...] We are now at a point where a positive future course is difficult to see. This may be a time similar to the ‘night’ before the haiku innovation of one hundred years ago. Where is the haiku heading in the 21st century?"

Die Sammlung moderner japanischer Haiku ist in vier Gruppen aufgeteilt.

1. Pioneers (Pioniere)

2. Promotors (Vorantreiber)

3. Challengers (Herausforderer)

4. Kaleidoscope of Contemporary Japanese Haiku (Kaleidoskop zeitgenössischer japanischer Haiku)

Allen vier Kategorien sind vier Haiku entnommen und hier vorgestellt*.




1. Pioniere




all day long
without saying a word –
the shape of a butterfly


Hôsai Ozaki


den ganzen Tag
ohne ein Wort zu sagen –
die Gestalt eines Schmetterlings





Close to Heaven
men who plow the mountain fields:
deep in Yoshino


Seishi Yamaguchi


dem Himmel nahe
Männer die das Bergfeld pflügen:
tief in Yoshino





Among the lotus
there is a flapping of wings
on a moonlit night


Shûôshi Mizuhara


unter dem Lotus
das Flattern von Flügeln
in einer mondhellen Nacht





autumn sunset –
bones of a gigantic fish
drawn into the sea


Sanki Saitô


Herbstsonnenuntergang –
Knochen eines riesigen Fisches
ins Meer gezogen





2. Vorantreiber




Reaching the other world
I will still comb my hair –
the loneliness


Sonoko Nakamura


die andere Welt erreichend
werde ich immer noch mein Haar kämmen –
die Einsamkeit





A wolf
with a single firefly
clinging to it


Tôta Kaneko


Ein Wolf
mit einem Leuchtkäfer
hautnah 





Everything is green ...
a handsome priest
is lighted up


Tenkô Kawasaki


Alles ist grün ...
ein gutaussehender Priester
ist erleuchtet





Eating sweetfish –
quietly
I become heavier


Kan'chi Abe


Süßfisch essend –
in aller Ruhe
schwerer





3. Herausforderer




Climbing the stairs
one by one people
become shadows


Kunihiro Buma


Stiegen steigend
eine nach der anderen
werden Menschen zu Schatten





May Storm
if I become silent
I'll vanish


Bin Akio


Maisturm
wenn ich verstumme
verschwinde ich





Universal gravitation –
in the potatoes
there are hollow spaces


Maya Okuzaka


Universelle Schwerkraft
in den Kartoffeln
gibt es Hohlräume





I wash my face
with eyeballs in my hands:
A-bomb remembrance


Takatoshi Gotô


Ich wasche mein Gesicht
Augäpfel in den Händen
Atombombenerinnerung





4. Kaleidoskop




Painted his wife,
painted an evening primrose ...
killed in the war


Chisei Tamura


malte seine Frau,
malte eine Primel am Abend ...
tötete im Krieg





Mother
sitting on a swing
has many profiles


Hiroshi Maeda


Mutter
sitzt auf einer Schaukel
mit vielen Profilen





Dandelions...
everyone has the face
of a stranger


Eichi Kanamata


Löwenzahn ...
jeder hat das Gesicht
eines Fremden





Yellow narcissus –
your words sound
like steel


Senshi Suzuki


gelbe Narzisse –
deine Worte klingen
wie Stahl



* Deutsche Übersetzung: Dietmar Tauchner