01.03.2013

Duft-Verbindungen







Pflaumenmond ... der Geruch des Gewesenen









Lichtblaue Ferne …
Ein Gongschlag dehnt die Zeit









Walwanderung    die dunklen Filamente des Raums









Zwiegespräch –
die dunklen Kontinente in uns



Gerda Förster






Ein Versuch zum deutschsprachigen Gendai-Haiku

von Dietmar Tauchner

Gendai – das in Japan das moderne Haiku des 20. Jahrhunderts und damit der Nach-Shiki-Ära bezeichnet, beginnend mit Hegikotô Kawahigashi und Seisenui Ogiwara – ist ein soziohistorischer und kulturspezifischer Begriff und damit nur bedingt auf das deutschsprachige Haiku übertragbar.

Gendai könnte aber auch weiter gefasst und als Wechsel zu einem neuen Haiku-Paradigma hin verstanden werden. Bashô beispielsweise könnte insofern als Gendai-Haijin angesehen werden, als er neue Themen in die Haikai-Literatur brachte und neue Assoziationen. Vor Bashô hatte es niemand gewagt, einen Frosch in die Haikai-Literatur aufzunehmen. Und plötzlich sprang dieser in den uralten Weiher, frisch und lebendig. Vielleicht ließe sich Gendai als Synonym dafür verstehen: Neues und Anderes zu versuchen!

Was zu Bashôs Zeiten der Frosch war, mag in der Haiku-Dichtung des 21. Jahrhunderts im deutschprachigen Raum der Bezug zu den Themen der Wissenschaft sein, zu der Welt der Psyche und des Traums, der Fantasie, des Denkens und der interliterarischen Alliteration.

Das Haiku benötigt ganz allgemein betrachtet immer Kürze, Prägnanz (Shibumi), eine Neuigkeit oder einen neuen Blickwinkel (Atarashimi), etwas Geheimnisvolles, Überraschendes (Yûgen) und eine Nebeneinanderstellung (Kire) von mindestens zwei Begriffen oder Ebenen. (Mehr dazu in: Steg zu den Sternen, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2012, beziehungsweise „Die Ästhetik des Haiku“.)

Ein nicht zu vernachlässigendes Element des Modernen erscheint der Umgang mit Nebeneinanderstellungen zu sein. Nebeneinanderstellungen müssen zueinander in Verbindung stehen, um wirksam sein zu können. In der klassischen Haiku-Dichtung spielten Wort- und Inhaltsverbindungen eine große Rolle. Wort-Verbindungen bringen Begriffe der klassischen Haikai-Dichtung miteinander in Verbindung, Begriffe, die zu etablierten Assoziationen geworden sind. Beispielsweise auf regionale und temporäre Verhältnisse umgelegt: Maiabend und Kuckuck.

Inhalt-Verbindungen beruhen auf das Verhältnis von Ursache und Wirkung, auf narrative Bewegungen, szenische Ausdehnung oder alles, was inhaltlich logisch miteinander verbunden ist, wie Bahnhof und die Folgen davon, am Bahnhof zu sein.

Bashô und seine Shômon-Schule betonten und bevorzugten jedoch eine neue Art der Assoziation, nämlich die Duft-Verbindung.

The Master (Bâsho) said: The hokku has changed repeatedly since the distant past, but there have been only three changes in the nature of the haikai link. In the distant past, poets valued word links. In the more recent past, poets have stressed content links. Today it is best to link by [...] scent links.

(zitiert nach Haruo Shirane Traces of Dreams, Seite 85)

Die Duft-Verbindung, die sich als eine Art atmosphärische Assoziation umschreiben ließe, verknüpft Objekte, Bilder, Prozesse und Ebenen miteinander, die nicht nur wörtlich und inhaltlich miteinander verbunden sind, sondern durch paradoxe (überraschende), lebendige und geheimnisvolle Beziehunsverhältnisse. Nein, die Blume muss nicht mehr nur mit ihrem Duft, ihrer Farbe oder einer Biene assoziert werden (Wort- und Inhaltsverbindungen), sondern kann mit anderen Sujet in Beziehung stehen, die der moderne Haijin wahrnimmt und in seinem Haiku festhält. Vielleicht gibt es ein Verhältnis zwischen Blume und einem Objekt, das auf den ersten Blick damit nichts zu tun hat? Vielleicht hat die Blume etwas mit der Handtasche der Ehefrau zu tun? Oder gar etwas mit einem Schwarzen Loch? Die bekannten Bezüge dehnen sich aus. Die Verbundenheit allen Seins, die in der buddhistischen Kosmologie als Axiom gilt, erlauben neue Assoziationen.

Gendai das Synonym für die Wahrnehmung und Integration des Neuen und einer neu assoziierten Wirklichkeit: Die Beziehung zwischen dem Offenkundigen und dem kaum Wahrgenommen ist im modernen Haiku viel enger geworden. Atome und Galaxien sind nicht nur Vorstellung und Abstraktion, sondern werden durch moderne Techniken sukzessive konkreter wirklicher, weil wirksam. Wirklich ist, was wirkt, laut Thomas Mann.

Das Abstrakte, das sich dereinst aus vielen konkreten Eindrücken formte, wird wieder sinnlich und zu einem synästhetischen Sinn, einer interaktiven und integrativen Ästhetik. 

Die Wirkungen der zeitgenössischen Technik und Wissenschaft werden stärker und verändern somit unsere Wirklichkeit beziehungsweise die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Wie unsere Erfahrungen unser Denken beeinflussen, so beeinflusst unser Denken auch unsere Erfahrungen und damit unsere Wahrnehmung.

Das moderne Haiku muss sich nicht von den alten Sujets verabschieden, wohl aber genauer hinsehen, um nicht repetativ in der Belanglosigkeit zu versinken. Das moderne Haiku des 21. Jahrhunderts sucht und findet neue Verbindungen, sucht und findet uralte Beziehungen in einem neue Licht.

Das Haiku ist ein Beziehungsgedicht, das über die gekonnt eingesetzte Nebeneinanderstellung neue Assoziationen freisetzt.

Das moderne Haiku ist ein Raumschiff, das neue Beziehungen zwischen Elementen, Ebenen und Ereignissen ergründet. In den unendlichen Weiten des Alls, den virtuellen des Mikrokosmos, den existentiellen der Psyche und der Sozialkonstellationen und immer wieder in der Natur selbst.

Vielleicht ist es an der Zeit, unsere frischgeborenen Frösche in den uralten Weiher des Haikai springen zu lassen ...




In Kürze oder Ferne

Eine Entgegnung von Ralf Bröker

Fünf Jahrhunderte Haiku-Tradition hat Japan. Wie viele Jahre haben wir im Westen? Haben wir überhaupt schon eine Tradition? Sind wir nicht immer noch mehrheitlich Imitierende? Imitieren wir jetzt sogar dieses japanisch begründete Anders-Sein, weil es uns nicht elitär genug ist, auf westliche Weise anders zu sein? Auf www.haiku.de heißt es dazu sehr bedenkenswert von Rudi Pfaller: Lasst doch einfach die Autoren frei! Und wenn ihr sie frei lasst, braucht man euren Blog nicht mehr.

Vielleicht hast du, lieber Dietmar, mit deinem kleinen Gendai-Manifest für den Westen gezeigt, dass wir es doch öfter mal wagen sollten, eigene Haiku-Gefühle zu haben. Gedanken machen wir uns ja alle genug. Und natürlich lächle ich nicht wenig, wenn auch ich deinen Steg zu den Sternen nachgehe und von Naturwissenschaften ausgelöstes Staunen in ungewohnte Beziehungen setze.

An anderen Tagen aber sehe ich nicht nur Haiku-Raumschiffe durch das Weltenall gleiten, sondern auch Philosophen wandeln und Spielfilme flimmern, Rockstars touren und Wanderarbeiter streiten. Selbst dem gequirlten Mist der Zombie-, Football-, Berliner-Zeitung- und Weiß-der-Geier-was-noch-alles-Haiku könnte in Kürze oder Ferne etwas Erstaunliches entwachsen.

Ich muss nur immer wieder neugierig und hoffnungsvoll hinschauen. Wie ein Kind eben ...

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