01.07.2014

Wartende wir











Wartende wir
stehen im Rot des Mohns




Ilse Jacobson








seifenblasen °
°    °
jetzt ist jenseits ° von endlichkeit









      A
 D
     L
         E
             RF
                   ins weite n I chts gespannt
                   TT
                       I
                          C
                               HE




Birgit Schaldach-Helmlechner








Stridulation
Er hält die Hand seiner Frau,
die im Koma liegt.




Hans-Jürgen Göhrung








Fenster bei Nacht -
durch mein Spiegelbild fließt und fließt
der Fluss




Angelica Seithe








trennung
minimalinvasiv
klick




Friedrich Winzer








Apfelbaumblüte
Gravitationswellen
vom Ursprung der Zeit








 u
 n
  t
    er
    u   w
   a       ei
      r          den
    T  B  te
   oo




Claudius Gottstein








Müde geworden
das andere Gesicht,
mit dem ich lebe.







Aus fremder Heimat ...
Vater telefoniert  wie—
der mit den Wolken




Beate Conrad








Vollmond -
ich breche mein Fasten




Eva Limbach








Im fremden Bett
das Nachtrauschen auf einer
anderen Frequenz




Brigitte ten Brink








Ursuppe einer würzt nach




Gabriele Hartmann








wachsende Ödnis
es sprudeln die Brunnen
der Vergessenheit




Helga Stania








Sarabande –
im Spiegel nistet
mondene Helle




Ramona Linke







AusGesucht


Achterbahn, Zukunftsfilm oder Wirbel: The Haiku Vortex heißt eine in diesen Wochen gegründete, englischsprachige Facebook-Gruppe. Hier treffen sich experimentierfreudige Haiku-Autoren, die dem Gendai nahe stehen. Stellvertretend stellen wir hier vier Vortex-Autoren und ihre (von uns übersetzten) Arbeiten vor.

The Haiku Vortex in Facebook

Vortex in Wikipedia








erschlagene Götter dreckige Küsten erheben sich aus Wunden






Marcus Liljedahl, geboren 1972, ist Haijin aus Schweden. Er schreibt auf Schwedisch und Englisch, arbeitet als Opersänger an der Gothenburg Oper. Seine Gedichte erscheinen in Modern Haiku, Frogpond, The Heron's Nest, Chrysanthemum, Bones, Under The Basho, bottle rockets, etc. Er ist der Initiator der Facebook-Gruppe The Haiku Vortex.








fliehende Wolken

mein Zackenmann trägt
einen Albatros




Alan Summers leitet With Words (Mit Worten) und unterstützt Menschen, die sich für Haiku, Tanka und andere Lyrik interessieren. Er ist dabei, einen weiteren Teil des The Kigo Lab Project zu veröffentlichen: ein Experiment mit westlichen Jahreszeitenwörtern als vollwertige Kigo für ökologisch-kritisches Schreiben. Alan hat sowohl Freude an Haiku, die mancher als traditionell ansieht, als auch jenen, die aus dem Rahmen fallen.








in Nichts expandiert spiegle ich das Universum









kurz nach dem Ozean wer hätte wissen können





Johannes S. H. Bjerg: ein Däne, der schreibt. Bücher: “Penguins / Pingviner - 122 bilingual haiku” (Englisch und Dänisch), 2011, Cyberwit, Indien. “Parallels”, Yet To Be Named Free Press, England, 2013. “Threads / Tråde” bilinguale Haiku, Createspace 2013, “Notes 10 11 -12 / Noter 10 11 -12”, Yet To Be Named Free Press, England, 2013. “Paper Bell Lessons / Papirklokkebelæringerne”, Createspace, 2013. “Like a Plane / Som et fly”, Bild und Haiku, E-Book. “Noah's Eggs / Noahs æg” bilinguale, parallele Haiku, Yet To Be Name Free Press, England, 2014. “23.345” bilinguale Ku, Createspace, 2014.








Nationen im Krieg

die Mathematik des Glaubens







immer Wildrosen in ihren geheimen Tiefen






Stella Pierides verfasst Gedichte sowie Prosa. Zudem managt sie das THF- (The Haiku Foundation-) Projekt "Per Diem: Daily Haiku". Ihre Arbeiten finden sich in Anthologien, Print- und Online-Journalen. Ihr Gedichtband "In the Garden of Absence" (Fruit Dove Press, 2012) wurde mit dem Kanterman Merit Book Award 2013 (3. Preis) der Haiku Society of America ausgezeichnet. Jüngst erschienene Sammlung von Kurzgeschichten: "Feeding the Doves" (Fruit Dove Press, 2013).

Kommentare:

  1. Brigitte ten Brink08.07.14, 17:27

    Lieber Dietmar, lieber Ralf,

    ich freue mich immer sehr, wenn ihr ein Haiku von mir auf eurer Seite aufnehmt. Manchmal sind es Dramen, die sich da wortgewandt und gleichzeitig minimalistisch mit der Endlichkeit des Seins und dem Verfall, der Frage nach dem Sinn und der Suche von Sinn auseinandersetzen und immer wieder die Verbindung von chemischen / physikalischen / mathematischen / galaktischen Vorgängen mit der „natürlichen“ Natur, wie wir sie in Trauerweiden, Apfelblüten, Adlern oder den Wolken und dem Mond einfach so vor Augen haben.

    Was ich übrigens von der "Mode", ich nenne es jetzt einfach mal so, der grafischen Darstellung von Dingen und Vorgängen durch Anordnung der Buchstaben ihrer Bezeichnung halten soll, weiß ich noch nicht. Es sieht oft interessant aus, aber trägt es wirklich zur Vertiefung der sprachlichen Aussage bei? Optisch ist es natürlich ein Hingucker, aber manchmal auch lästig, weil man sich mühsam die Worte zusammensuchen muss.

    n

    i

    k

    Kraniche zwischen uns

    i

    l

    aus der Aprilausgabe habe ich z.B. nicht verstanden. Für das i und das n am oberen Keilende finde ich keine Verwendung. Linear gesehen ist es für mich in die Abwärtsrichtung gelesen „Kranichkeil zwischen uns“, in der Aufwärtsrichtung gibt es keinen Sinn für mich und alle anderen Möglichkeiten, die ich hin und her ausprobiert habe, sagen mir auch nichts. Dieses Haiku enthält ein Rätsel, auf dessen Lösung ich nicht komme.
    Kunst braucht und darf nicht einfach und leicht zu durchschauen sein, das meine ich nicht damit. Ich will nur sagen, dass bestimmte Entwicklungen irgendwann auch manieriert daherkommen können. Ich kann diesen Stil akzeptieren, als eine Sonderform des Schreibens, aber er darf meiner Meinung nach nicht das lineare Schreiben verdrängen und ich fände ich es schade, wenn ein Gendai Haiku in dieser Form höher bewertet wird, als ein normal geschriebenes. Irgendwie scheint aber nun jeder zu meinen, er muss so etwas schreiben, um noch originell zu sein und ich nehme mich mit meinem Versuch mit den ertrunkenen Worten, was euch nicht so gefallen hat, war wahrscheinlich zu banal, nicht aus.

    Neue Ausdrucksformen zu finden gehört aber zur Weiterentwicklung, von daher … . Die Vortex- Haiku sind beeindruckend. Ihr gebt ja in den Kurzbeschreibungen an, wo man bei Interesse mehr von den vorgestellten Autoren finden und lesen kann und doch wäre es schön, auf eurer Seite zur Erweiterung des Horizontes, weitere Kostproben, auch von anderen Autoren, zu bekommen.

    Ich lese die Haiku auf eurer Seite immer wieder und hoffe, dass mir auch immer mal wieder eines gelingt, das wirklich gut ist. Ein bisschen Glück bei der Suche nach den richtigen Worten gehört nämlich dazu. Und ein bisschen Humor schadet auch nicht, wie Gabriele immer wieder beweist: Ursuppe einer würzt nach.

    In diesem Sinne ganz herzliche Grüße und ich freue mich schon auf den 1. August ...

    Brigitte

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  2. Liebe Brigitte, Danke für deine spannenden Gedanken. Es ist jedes Mal wieder bemerkenswert, wie unterschiedlich nicht nur Bewertung, sondern auch Wahrnehmung zustande kommt. Diese Unterschiede erst setzen Kreativität in Gang, mitunter auch beginnend im Nichtverstehen. Zu den formatierten Haiku schrieb übrigens jüngst Jim Kacian: http://www.modernhaiku.org/issue45-2/MH45-2-Kacian-UFOhaiku.pdf

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